Was ist Sünde?

Bevor ich anfange

„Rabbi Bunam lehrte: Die grosse Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft ist gering! Die grosse Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.“ M. Buber, Schriften zum Chassidismus, 1963, 641.

Es geht mir hier darum, für mich und den Moment zu klären was hinter dem Konzept „Sünde“ steckt. Ich möchte darüber nachdenken, welche verschiedenen Vorstellungen es gibt und was diese für Konsequenzen haben für die Menschen. Ich vermute, es gibt falsche, krankmachende und manipulative Vorstellungen von „Sünde“. Ich möchte auch die Frage „Was ist Sünde?“ stimmig in Bezug auf die biblische Überlieferung und die Verantwortung gegenüber den Menschen beantworten.

Nun meine Überlegungen:

Die Sünden und die Sünde

Klassischer Weise wird in der Theologie die Unterscheidung gemacht von den Sünden (also die einzelnen Verfehlungen) und der Sünde (der grundsätzliche gottlose Zustand). Ist diese Unterscheidung sinnvoll und hilfreich?

Die Sünde und der relativistische Subjektivismus

Von Sünde zu sprechen macht Sinn, wenn die Koordinaten von richtig und falsch, gut und böse vorausgesetzt werden. In einer relativistischen Weltanschauung ist der Begriff und das Konzept „Sünde“ als Vergehen gegen Gottes Ordnung oder als Abirrung von Gottes Weg sinnlos. In einer solchen Weltanschauung könnte höchstens das Subjekt für sich selber bestimmen was gut oder böse ist. Deshalb muss sich jeder die Frage stellen: Gibt es unabhängig von mir die Möglichkeit zu sagen „Das ist gut und richtig.“ resp. „Das ist böse und falsch.“? Gibt es eine Realität, vor der ich mein Handeln rechtfertigen muss? Oder ist alles relativ und eine Frage der Perspektive?

Relevant ist das Thema Sünde zum einen weil die Vorstellung zum Teil auch Schwieriges auslöst und zum anderen, weil nach der Bibel Sünde und Sünden Konsequenzen haben.

Fehlverhalten und Beziehungsstörung

Das sind beliebte Definitionen von Sünde. Oft wird es auch gegeneinander abgegrenzt: Bei „Sünde“ gehe es nicht um die einzelnen Sünden oder „Fehler“, sondern um eine grundlegende Beziehungsstörung zwischen den Menschen und Gott. Das ist aber verkürzt, denn eine „Beziehungsstörung“ kommt ja durch Ereignisse, Taten, Handlungen etc. zustande, die von einem der Beteiligten als falsch, also als „Fehler“ eingestuft werden.

Die Konsequenz aus diesem Verständnis ist oft: Um Vergebung bitten (Demütigung) und probieren Fehler zu vermeiden (Perfektionismus). Das scheint mir defizitorientiert. Meistens wird es sich um eine Bewertung von aussen handeln, was den genau Sünde, resp. Fehlverhalten resp. Grund der Beziehungsstörung sei – auch wenn die Betroffenen meinen, es sei ihr eigenes Empfinden.

Die Mauer

Das Bild der Beziehungsstörung wird manchmal als Mauer dargestellt. Diese steht trennend zwischen Gott und dem Menschen oder den Menschen. Die Mauer ist aus Ablehnung, Misstrauen und Egoismus gebaut. Gerne wird von der Sünde als einzelne konkrete Taten auf ein grösseres Gesamtkonzept verwiesen. Z.B. dass Sünde eigentlich Misstrauen Gott gegenüber sei. Ist das aber stimmig? Wenn Glauben = Vertrauen, dann ist Misstrauen nicht Sünde, sondern Zweifel.

Ich wehre mich im Moment dagegen, Sünde aus dem moralischen Kontext (Fehler) herauszulösen und auf die Beziehungsebene zu ziehen. Ich sehe weder ein was das bringen soll, noch sehe ich eine biblische Begründung dafür. Im Gegenteil sind wie oben gezeigt (moralische) Fehler die Ursache von belasteten Beziehungen.

Also probiere ich eine einfache Definition: Sünde ist ein Verstoss gegen den Willen Gottes.

„Zielverfehlung“ und „Verirrung“

Das hebräische Wort chatat bedeutet in seinem profanen, also nicht religiösen Gebrauch „Zielverfehlung“. Das ist aber nur ein Wort von vielen, das für böses Handeln gebraucht wird. Es bedeutet dann aber vor allem: Sich verfehlen (also einen Fehler machen) oder sich vergehen gegenüber jemandem.

Das griechische Wort „Hamartia“ bedeutet vermutlich „Verirrung, Abirrung vom Weg“.

„In sich selbst verkrümmt sein“

Das ist die beliebte theologische Definition: Incurvatus in se (in sich selbst verkrümmt sein). Es beschreibt die Selbstbezogenheit und den engen Horizont, anstelle der Liebe zu Gott und zu den Mitmenschen.

Die Konsequenz ist, das Streben danach, sich zu öffnen und empfänglich zu machen. Dazu gehört Wachsen und Selbstvertrauen zu gewinnen.

Das biblische Zeugnis und die kirchliche Tradition

In der Bibel wird klar und wiederholt von Sünde gesprochen. Und zwar oft nicht von einer abstrakten Grundhaltung, sondern von konkreten Tatsünden.

Im Alten Testament

Im Tempelweihgebet Salomos, 1. Kön 8,46-51: „Wenn sie gegen dich sündigen – denn es gibt keinen Menschen, der nicht sündigt – und du über sie zürnst (…) und sie nehmen es sich zu Herzen, (…) indem sie sagen: Wir haben gesündigt und haben uns schuldig gemacht und haben gottlos gehandelt (…), dann höre ihr Flehen und schaffe ihnen Recht und vergib deinem Volk (…) und als sie Erbarmen finden. (…)“

Aus diesem Text nehme ich folgende Punkte:

  • Es gibt Sünde gegen Gott. Es bedeutet schuldig werden oder gottlos handeln.
  • Das erzürnt Gott und hat Konsequenzen: Auslieferung an das Böse
  • Die Reaktion der Menschen ist: Bekenntnis der Sünde und Reue
  • Die Antwort Gottes: Recht schaffen, Vergebung und Barmherzigkeit

Der Busspsalm ist der Psalm 51: „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde; denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir. An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan, auf dass du recht behaltest in deinen Worten und rein dastehst, wenn du richtest.“ Psalm 51,3-6

Im Neuen Testament

„Offenkundig sind aber die Werke des Fleisches, als da sind: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung, Götzendienst, Zauberei, Feindschaft, Hader, Eifersucht, Zorn, Zank, Zwietracht, Spaltungen, Neid, Saufen, Fressen und dergleichen.“ Galater 5,19-21

In der Tradition

Im Abendgebet heisst es: „Wir bekennen vor dir, dem heiligen Gott, dass wir gesündigt haben in Gedanken, Worten und Werken, in Trägheit des Herzens. Herr, erbarme dich.“ Reformiertes Gesangbuch, 610.

Was ist also Sünde?

Besonders im ersten Teil der Bibel, dem Alten Testament finde ich keine abstrakte Idee von der Sünde (als Beziehunggsstörung oder Mauer, etc.). Sondern ich finde konkrete Vorstellungen von gottlosem, also bösem Handeln. Dieses Böse kann individuell oder kollektiv sein. Ein paar Beispiele:

Sünde ist (biblische Belege folgen):

  • Schwache und Hilflose ausbeuten und missbrauchen
  • Beim Handel zu betrügen
  • Falsches über andere Menschen zu sagen
  • Wo Not ist nicht zu helfen

Zitate

„Alle Sünden sind Versuche Löcher zu stopfen.“
Simone Weil

„Der Sünder kann ein Vertreter moralischer Perfektion sein.“
Helmut Thielicke, Auf der Suche, 57

„Das Hebräische kennt kein Wort für Strafe. die Worte ‚aon oder chatath können die böse Tat, sie können aber auch ihre böse Folge bedeuten, weil beides im Grunde dasselbe ist.“
Gerhard von Rad, Theologie 1, 1957, 397.

„Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“
1. Joh 1,9

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