Misericordia – Barmherzigkeit

Dieses Bild ist mein „All I wanna do“-Bild. Zu Jesus führen. Komm mit!

misericordia-luchard
Luchart-Relief aus dem Basler Münster, ca 12. Jh.

Die Inschriften

Der abgebildete Mann und die Frau werden durch die Inschriften im Torbogen über ihnen genauer identifiziert. Der Mann links ist der „Pauper“, das ist lateinisch und heisst „der Arme“. Die Frau, die seine Hand hält, ist die „Misericordia“, das bedeutet „Barmherzigkeit“. Die Frau hat die typische Tracht der Ordensfrauen ihrer Zeit, die sich damals bereits um die Bedürftigen gekümmert haben

Unter dem Torbogen ist noch ein Wort eingeritzt: „Luchart“. Man vermutet, dass das der Name des Stifters ist, der den Künstler bezahlt und den Auftrag für das Relief gegeben hat.

Die Taten der Barmherzigkeit

Es gibt sechst „Taten der Barmherzigkeit“. Diese werden abgeleitet von dem was Jesus in Mt 25,34ff sagt:

  1. Denn ich war hungrig, und ihr gabt mir zu essen,
  2. durstig, und ihr gabt mir zu trinken.
  3. Ich war fremd, und ihr habt mich beherbergt,
  4. nackt, und ihr habt mich bekleidet.
  5. Ich war krank, und ihr habt mich besucht,
  6. gefangen, und ihr seid zu mir gekommen.

Diese Taten der Barmherzigkeit sind an der Galluspforte, an der Nordseite des Basler Münsters, in kleinen Fresken in den äusseren Säulen dargestellt.

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Die Galluspforte am Basler Münster
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Darstellung der Barmherzigkeit an der Galluspforte, Rechte Säule, zuoberst

Interessant ist, dass das Luchart-Relief in der Darstellung diesen sechs Fresken von der Galluspforte ähnelt. Auch die Frau trägt dieselbe Tracht. Ich vermute deshalb, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Relief und den Fresken.

Alle Taten der Barmherzigkeit auf einem Bild

Könnte es sein, dass der Künstler versucht hat, alle Taten der Barmherzigkeit auf einem einzigen Bild zusammenzufassen? Das würde bedeuten, der „Pauper“ verkörpert alle sechs Schicksale und auch die „Misericordia“ wäre eine Zusammenfassung – die Quintessenz sozusagen der Barmherzigkeit? Überprüfen wir es:

Der Pauper:
Denn ich war hungrig -> man sieht seine Rippen
durstig, -> sieht schon durstig aus, oder?
Ich war fremd, -> Bündel auf dem Rücken
nackt, -> schlechte, zerissene Kleidung
Ich war krank -> ausgezehrter Körper
gefangen. -> Das ist nicht dargestellt

-> Hier ist es gelungen, alles zusammenzufassen. Nur das Gefangensein fehlt.

Und bei der Misericordia? Inwiefern könnte man alle einzelnen Taten der Barmherzigkeit (zu essen geben, zu trinken geben, beherbergen, bekleiden, besuchen) kombinieren? Indem man fragt: Was steckt hinter all diesem praktischen Helfen? Was kann man tun um jemandem grundsätzlich zu helfen? Ich glaube genau diese Überlegungen stehen hinter dem Luchart-Relief.

Was macht denn die Barmherzigkeit genau?

Sie nimmt den Pauper liebevoll an der Hand und schaut ihn an. Sein Blick ist ziemlich leer und orientierungslos, aber er klammert sich voller Hoffnung an die Barmherzigkeit. Sie kümmert sich um ihn und nimmt ihn mit sich mit. Das sieht man daran, dass ihre Füsse in dieselbe Richtung zeigen. Sie gehen miteinander einen Weg, die Barmherzigkeit führt den Pauper. Aber wohin bringt sie ihn? Man sieht es nicht. Man weiss auch nicht, wo das Relief im Münster ursprünglich platziert war. Aber eines ist klar: Ihr Ziel ist ausserhalb des Reliefs. Und sie weiss genau wohin sie ihn bringen will. Sie gehen nicht einfach miteinander spazieren, sondern die Barmherzigkeit kennt das Ziel. Das merkt man an dem ausgestreckten Finger. Sie hat es gesehen, sie weiss wohin es geht. Sie erklärt dem Pauper nicht nur wohin er gehen kann, sondern sie geht gleich mit ihm mit.

Wo zeigt sie hin?

Um das herauszufinden brauchen wir einen kleinen Trick. Dieser Trick heisst „Ikonographie“. In der Antike und im Mittelalter wurde die Ikonographie entwickelt. Es wurden Bilder von Heiligen gemalt, manchmal wie Portraits, manchmal auch Szenen aus der Bibel und anderen Bücher. Aber es malte nicht jeder so wie es ihm in den Sinn kam, sondern alle malten einander ab und so entstand eine Ikone, ein typisches Bild. In einer Ikone hat jede Farbe, jede Bewegung, einfach alles seine bestimmte Bedeutung. Deshalb musst es immer identisch gemalt werden, sonst würde die Bedeutung verändert. So eine Ikone gibt es von den heiligen drei Königen. Dieses Bild werde ich ein anderesmal beschreiben. Für uns ist jetzt wichtig, dass der 2. König genau die Körperhaltung hat, wie sie auch die Misericordia auf dem Luchartrelief hat. Wichtig ist auch, dass diese Ikone der heiligen drei Königen im Basler Münster mindestens zwei Mal vorkommt. Wer also das Münster besucht und studiert kennt diese Ikone und diese Haltung und weiss, worauf der König zeigt. Er zeigt auf den Stern von Betlehem und führt damit den 3. und jüngsten König zu Jesus. Es gibt aber einen Unterschied von der Ikone zum Luchard-Relief: Die Barmherzigkeit ist noch herzlicher als der 2. König, denn sie nimmt den Pauper an der Hand und drückt diese an ihr Herz.

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Darstellung der Heiligen drei Könige, Freske in der Krypta des Basler Münsters

Fazit

Die Zusammenfassung aller Barmherzigkeitstaten ist also: Jemanden an der Hand nehmen und ihn zu Jesus führen.

„Barmherzigkeit“ bedeutet nicht, sich auf das Elend konzentrieren („ganz bei dem Menschen bleiben“) und ihn pflegen, sondern es bedeutet ihn hinauszuführen. Sie macht ihm damit einen neuen Horizont auf. Und das macht sie mit persönlichem Einsatz, nicht nur als „Richtungsweiserin“. Es ist wichtig, dass die Misericordia das was sie erkannt hat weitergibt. Zuerst muss sie es aber einmal erkannt haben, sonst wäre sie eine blinde Blindenführerin.

Für mich ist das ein Leitbild und ein Anschauungsunterricht für das, was ich im Pfarramt tun will: Mich um Menschen kümmern, sie auf Jesus hinweisen und mit ihnen zu Jesus gehen.

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